…mit Farin Urlaub (2003)

Marc: Bei mir ist jetzt Farin Urlaub. Hallo Farin.

Farin: Hallo

Marc: Du bist hier heute in Lörrach. Was hast du schon gesehen von der Stadt?

Farin: Den Expert-Laden und natürlich auch die Elmex-Fabrik, die ja auch auf den Backstage-Pässen hier drauf ist. Das hab ich mir alles angeguckt. Die Sehenswürdigkeiten halt.

Marc: Es hätte noch eine Schokoladen-Fabrik gehabt, den Namen sagen wir jetzt nicht. Mit einer Lila-Kuh. (Farin lacht. OK, die erste Frage. Open-Air, da scheinst du und deine Kollegen immer etwas Probleme zu haben mit dem Wetter. Jetzt ist es draussen schon wieder so gefährlich dunkel. Der Wettergott ist nicht auf eurer Seite?!

Farin: Eigentlich haben wir mal ausgemacht, dass Bela unser Regengott ist. Vor zwei Jahren waren wir auf dem Gurten und es war die Hölle! Das war echt so, das die Crew Angst um uns hatte. Das Gewitter hing immer so über dem nächsten Berggipfel und drohte die Bühne zu sprengen. Aber heute, ich mein es regnet noch gar nicht. Es schneit auch heute wahrscheinlich nicht mehr, also ich bin zufrieden.

Marc. Man wird optimistischer, wenn man immer schlechtes Wetter hat.

Farin: Ausserdem, je mehr es regnet, desto besser sind wir.

Marc: Das stimmt. Du hast dein Racing-Team dabei. Wenn ich das richtig verstanden habe, sind das bis auf die Bläser eine reine Frauenband. Ist das Kompensation für die Ärzte? Weil dort sind es eher Männer, bisschen älter, hier sind es Frauen, eher jünger.

Farin: Nee, Kompensation hat damit nichts zu tun. Ick gucke gerne Frauen zu beim spielen und am einfachsten ist es halt, wenn man sie selber mitnimmt. Also du musst auch mal gucken, wenn du drauf achtest, an meinem Mikrofonständer sind ganz viele Spiegel angebracht, dass man auch immer so sehen kann, was los ist gerade. Das macht echt sehr viel Spass.

Marc: Machen die denn Faxen hinter deinem Rücken?

Farin: Zum Teil schon. Ich will nicht zuviel verraten, aber die Sängerin, die macht sich glaub ich ziemlich lustig auf meine Kosten, aber naja, egal.

Marc: Du hast mal gesagt, mit nur einem Album im Gepäck würdest du nicht eine grosse Tour machen. Jetzt bist du trotzdem hier, wieso denn?

Farin: Ja, weil auch Rockstars sich mal irren können. Det Problem war, ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich genug Programm zusammenkriege, und ich hab dann letztes Jahr sogar ne wirkliche Tour gemacht, dazu hab ich dann schon drei unveröffentlichte Stücke  gespielt, zwei davon werden auf dem nächten Soloalbum sein, eine gibt’s nur live. Und dann noch ein paar Coverversionen und dann haben wir ein paar Stücke noch etwas in die Länge gezogen  und dann kamen wir auf, ich glaube eine und dreiviertel Stunden. Und wenn du mal auf einem Ärzte-Konzert warst, dann weisst du, dass wir nach anderthalb Stunden so langsam warm werden und nach zweieinhalb Stunden sind wir dann richtig dabei, aber man kann halt nicht alles haben und tatsächlich was ich auch völlig unterschätzt habe; es gab offenbar eine Nachfrage. Es gab Leute, die wollten das live sehen und es macht auch Super-Spass mit der Band. Und jetzt kommen erst mal die Ärzte raus und nächstes Jahr werde ich dann ein zweites Soloalbum rausbringen und dann, dann…

Marc: …lässt du es richtig krachen!

Farin: Dann lass ich es richtig krachen.

Marc: Eben, du hast gesagt, als du noch der alten Meinung warst, du hättest zuwenig Songs, dann müsstest du auf der Bühne Hosen-Songs covern. Kommt denn heute Abend «Bommerlunder», «Hier kommt Alex»?

Farin: Selbstverständlich! Nee, ich glaube nicht! Nein, mir ist dann eingefallen, dass ich auch einfach schon neue Stücke schreiben kann, was ich dann getan habe. Ist ja leicht.

Marc: Und die werden dann wie gesagt, später noch auf CD gepresst.

Farin: Die werden dann noch richtig aufgenommen, das hab ich noch nicht gemacht., die gibt’s bisher nur als Live-Versionen. Aber es sind schon die ersten Bootlegs erhältlich davon. Na gut.

Marc: Da kann man nichts dagegen tun. Du hast dich auch mal geäussert zum Thema MP3 und das ganze Downloading. Du hast dich da eigentlich fast ein bisschen in die Bresche geworfen für die Leute, die dass runterziehen. Da sind viele Musiker deiner Zunft sind da anderer Meinung, die finden das ist Raub.

Farin: Also, das Problem ist tatsächlich folgendes: Was ich damals noch ein bisschen unterschätzt habe, uns betrifft das nicht mehr, wir sind schwerreiche Rock-Dinosaurier. Aber eine Band wie die Beatsteaks zum Beispiel, die ich persönlich sehr mag und es ist jetzt nur ein Beispiel für hunderte von anderen Bands, die werden wahrscheinlich nie von ihren Plattenverkäufen leben können, weil sich irgendwie tausende, zehntausende oder hunderttausende von Leuten im Internet die Sachen brennen. Das ist natürlich nicht korrekt, weil die müssen trotzdem das Studio bezahlen, müssen trotzdem ihre Instrumente bezahlen, müssen trotzdem ihren Übungsraum mieten. Da sagt dann kein Vermieter: «Ach Leute, kommt halt umsonst, ihr kriegt ja auch nix». Wir machens jetzt halt so, dass wir unsere Eintrittspreise hochgesetzt haben. Es ist tatsächlich so, früher haben wir mit den Platten soviel verdient, dass wir auf den Touren nichts verdienen mussten. Deshalb waren wir auch immer konkurrenzlos billig. Jetzt sind wir immer noch billig, aber nicht mehr konkurrenzlos, weil irgendwie soviel gebrannt wird, dass wir unsere Videos schon von den Konzertkarten bezahlen müssen.

Marc: Es hat sich auch sonst so ein Wechsel vollzogen. Früher wart ihr in kleineren Hallen. Zum Beispiel im Z7 in Pratteln. Heute seit ihr im Hallenstadion, dem grössten Konzertlokal der Schweiz. Gut, es ist nicht so gross wie andere Konzertlokale in Deutschland, aber… (Gelächter)

Farin: Das ist tatsächlich so jetzt was spezielles, also da musst du als Schweizer mal über den Tellerrand rausgucken. Wir haben ja letztes Jahr auf dem 15-Jahre-Netto zum ersten Mal vor über 30´000 Leuten in Berlin gespielt. Also die nur für uns gekommen sind, also wir waren die einzige Band, die gespielt hat. Das war allerdings auch was Besonderes, weil wir halt unser zwanzigjähriges Bandjubiläum gefeiert haben. Wir spielen in Deutschland schon ziemlich viele grosse Sachen, aber in der Schweiz haben wir uns halt bisher nicht getraut und nach den letzten Konzerten haben halt alle Leute gesagt: «Jetzt  trauts euch halt endlich!» Es war wirklich lächerlich, die Konzerte im Z7 und in der Roten Fabrik in Zürich waren halt immer sehr schnell ausverkauft, wir dachten, OK  dazwischenggibt’shalt nichts, ggibt’shalt kein 4000er oder 5000er-Halle in Zürich. Und jetzt haben wir halt gesagt, jetzt versuchen wir’s mal im Hallenstadion, es sieht auch ganz gut aus. Aber zum Ausgleich, weil einerseits entwickeln wir uns weiter, werden unaufhaltsam berühmter, klar müssen wir auch, wir werden langsam alt, wir müssen uns jetzt echt beeilen, dass wir’snoch schaffen, bevor wir tot sind. Aber auf der anderen Seite spielen wir auch immer noch Clubshows. Wir waren jetzt gerade Anfang des Jahres unter dem Decknamen «Nackt unter Kannibalen» wieder in kleinen Clubs unterwegs. Also, das gibt’s schon noch, es ist jetzt nicht so, das wir komplett grössenwahnsinnig werden und sagen, also unter 8000 spielen wir gar nicht. Das ist Blödsinn!

Marc (hakt nach): Ja, aber im Hallenstadion spielen normalerweise Acts wie Santana…

Farin: Moment, wir haben schon mal im Hallenstadion gespielt!

Marc: Als Vorband…

Farin: …von Kiss. Genau. Und da haben wir uns die Halle angeguckt und gesagt: das wär schon OK, wenn man das mal vollkriegt, weisst du. Die Schweizer. Das war halt die grösste Herausforderung auf dieser Dezember-Tour. Wir spielen halt auch in Deutschland die fetten Dinger, aber ich sag mal, die kriegen wir halt voll. Aber in der Schweiz? Es war echt so, wir haben es halt noch nie probiert. Ick wees, das wenn wir in Zürich spielen, 2000 Leute kommen. Aber ob 10´000 Leute kommen? Weiss ich nicht. Wir  finden’sgerade raus. Das ist schon spannend.

Marc: Also ich hab mir mein Ticket schon gekauft, ich komme auf jeden Fall

Farin: Gut.

Marc: Das schon mal zur Beruhigung.

Farin: Na dann! Fehlen nur noch 9999 Leute.

Marc: Bei eurem Buch, «Ein überdimensionales Meerschwein frisst die Erde auf» ist mir beim lesen aufgefallen, dass  du verhältnismässigzu Bela und Rod sehr wenig zu Wort kamst. Warst du da wieder mal im Urlaub, als das Buch geschrieben und lektoriert wurde?

Farin: Nee, wahrscheinlich ist das so die ausgleichende Gerechtigkeit. Weil ick die andern sonst nie zu Wort kommen lasse und in dem wat der Nachwelt erhalten bleibt, dem Geschriebenen, da wollten sie mir mal eins auswischen. Ich find’s aber OK.

Marc: Ich dachte schon, du machst dann noch ein Extrabuch.

Farin. Ja, das kommt natürlich sowieso. Weil wenn ich mal richtig pleite bin, wenn ich mal wieder volltanken muss, dann kommt «Farin. Die Wahrheit» oder so.

Marc: Es gibt da gewisse ehemalige Bandmitglieder, die machen das jetzt so ähnlich… (Damals kam gerade Hagen Liebings Ärzte-Buch frisch auf den Markt)

Farin überlegt: Mhhh, Ja?!

Marc: Oder seh ich das falsch. Also ich hab nicht sehr viel positives im Buch gefunden, Beispielsweise jetzt über dich.

Farin: Ich glaube, da brauchte jemand dringend Geld. Aber he, is OK. Wenn er meint. Ich hab’s auch nicht mal ganz durchgelesen, ich war echt ein bisschen angemüdet, muss ich sagen. Habe angefangen und dachte dann so:  Okay, gut… Muss er wissen.

Marc: Stimmt es denn, was da drin steht oder hat er übertrieben oder ausgeschmückt?

Farin. In einigen Sachen hat er untertrieben… (lacht). Aber, ich weiss nicht. Du musst das aus seiner Sicht sehen. Was sehr seltsam ist, er spielt seine Rolle als Komponist überraschend hoch, dat hat mich sehr gewundert. Aber ich will jetzt gar nicht schmutzige Ärzte-Wäsche waschen, das gehört nicht hierher. Wenn ers so sehen will, seine Sache.

Marc: Kommen wir auf ein anderes unverfänglicheres Thema zu sprechen…

Farin: SEX!

Marc. JA! Sex und deine Frisur….

Farin: Moment…

Marc: Im Ärzte-Forum gab es…

Farin: …heisse Diskussionen. Ich hab echt sehr gelacht.

Marc: Da hiess es: Was ist denn mit dem los? Der sieht ja aus wie ein Diktator.

Farin: Naja, ick meine, wat bin ick denn auf der Bühne? Klatschen, ungnädiges Volk! Nee, dat eigentlich daran, dat ick se… Wie kam et denn? Ich hatte sie sehr schwarz…

Marc: …und so gescheitelt oder zurückgekämmt.

Farin: Nene, schwarz waren se schon ganz normal hochstehend. Und denn wurden se halt immer länger und dann hab ick se wieder blondiert, weil irgendwie ehrlich gesagt, dachte ich mir, jetzt bin ich fast Vierzig, jetzt muss ich mir nicht wieder jeden Tag Gedanken machen: Öh, wieviel Haarspray muss ich heute nehmen, jetzt sind se einfach mal zurück. Mal sehen, wenn’s mir langweilig wird, dann werden sie wieder ratzekurz.

Marc: Eben, normalerweise diskutiert man das ja bei Girlgroups. Mich hat es gewundert, dass bei den Ärzten über Frisuren gesprochen wird. Auch als Bela mal eine Glatze hatte wegen eines Kinofilms, gab es auch Diskussionen. Was ist denn das?

Farin: Also es ist ganz merkwürdig. Einerseits nehmen sie uns total ernst und sezieren unsere Texte und kommen dann mit Interpretationen, wo man echt sagen kann: Hui, soviel hab ich beim schreiben des Textes nicht gedacht. Aber auf der anderen Seite sind wir wahrscheinlich doch irgendwie… Keine Ahnung. Wir sind in Deutschland bisschen Allgemeingut. Jeder hat so sein Bild von uns, wir sollen uns am besten gar nicht verändern. Und auf jeder Platte gehen wir halt wieder einen Schritt weiter und dann sagen alle. Naja so eigentlich fand ich euch ja früher besser, aber es ist schon geil! Sie wachsen schon mit einerseits, also gerade die Älteren, die Jüngeren finden immer das letzte Album geil, wat sie grade kennen. Das ist das Beste, früher naja.

Marc: Ich finde das 93er-Album das Beste, das ist meine persönliche Sicht. «Die Bestie in Menschengestalt».

Farin: Ja, dat is komisch. Die meisten Leute favorisieren «Planet Punk».

Marc: «Planet Punk»

Farin: Ja, es ist tatsächlich so der grosse Favorit für viele Leute. Bei mir ist et ganz klar. Jeweils det letzte Album ist det Beste. Wenn et nicht so wäre, würde ich es so nicht mehr machen. Wenn ich der Meinung wäre, naja, jetzt ham wer wat gemacht, wat nicht so gut ist, wo wäre denn da die Weiterentwicklung? Also ich bin gerade heute morgen aus Spanien gekommen, wo ich gemischt habe…

Marc: Interessant, erzähl mal, das neue Album.

Farin: Es wird gut.

Marc: Ich freue mich.

Farin: Naja, ich kann, ich will noch nichts verraten. Es gibt ein paar Überraschungen, hehehe…

Marc: Wir freuen uns auf jeden Fall drauf. Was ich mit Erstaunen zur Kenntnis nahm. Damals die ganze Geschichte mit 11. September 2001 und so. Da habt ihr ja euch sehr ernst dazu geäussert, auch auf eurer Homepage und habt Stellung bezogen, jetzt auch beim Irak-Krieg. Ist das eine Qualität, die die Ärzte unterscheidet von anderen deutschen Band? Von denen hab ich da nichts gehört, die waren ruhig und hielten still. Ihr habt euch geäussert, zumindest von dir hab ich was etwas längeres mal gelesen auf der Homepage.

Farin: Ja, dat hat mich sogar ein bisschen geärgert, weil das ist dann komischerweise durch die Medien gegangen, wahrscheinlich gerade deshalb, weil so wenige sich geäussert haben und dann haben sie das einfach ungefragt von der Homepage genommen, was dann wieder so aussah, als müsste ich mich auf MTV wichtig machen zu nem Thema, von dem ich offenbar nix verstehe. Das hat mich tatsächlich bisschen geärgert, die habens irgendwie gut gemeint. Aber der Grund, warum ich das damals raufgeschickt habe: Ich habe am 12. und 13. September 2001 ungefähr tausend E-Mails bekommen und in drei Viertel davon waren halt irgendwie Kinder, die in Todesangst waren. Und jedem Einzelnen zurückzuschreiben wäre viel anstrengender gewesen als einmal so ´nen Text. Der war halt relativ ehrlich, er war nicht sehr politisch weit gedacht, aber ick meine, kannst der ja vorstellen, das dat och auch an uns, obwohl wir reich und berühmt sind, nicht spurlos vorbeigegangen ist. Dann hab ich halt ein Teil dieser Ängste und auch ein Teil, wat ich unter Trost verbuchen würde, hab ich dann da auf unserer Website veröffentlicht. Beim Irak-Krieg waren wir eigentlich nur sehr zornig, wat man wahrscheinlich auch unserem Statement angemerkt hat. Da hab ich auch von einigen Seiten Applaus gekriegt für die Literaturempfehlungen, die ich da noch reinversteckt habe, weil det erwartet man halt auch nicht von ´ner Band, die irgendwie «Fette Elke» singt. Wir sind halt nicht so eindimensional, behaupt ich jetzt mal, aber auf der anderen Seite soll das jetzt keine bleibende Einrichtung werden, der Stammtisch ist wat anderes. Aber ab und zu muss man halt mal den Mund aufmachen.

Marc: Das ist auch ein gutes Zeichen, das zeichnet euch aus, gerade damals ´93. Ihr hattet euch zurückgemeldet mit einem klaren Statement gegen Nazis. Kommen wir wieder auf etwas anderes zu sprechen…

Farin: Auf meine Band…

Marc: Auf deine Band. Also, was willst du erzählen, was willst du der Welt mitteilen über deine Band?

Farin: Die sind einfach so sexy, das ich manchmal den Text vergesse, und das liegt nicht an mir (lacht) Nein, das macht echt Spass, das ist eine total schöne Abwechslung.

Marc: Ja, ich seh, du strahlst…

Farin: Allerdings! Und ich freu´ mich schon, gleich geht’s los. Ich muss mich nur noch umziehen.

Marc: Oh ja, das ist auch immer ein Thema. Was hast du heute Abend an?

Farin: Das wirst du ja dann sehen…

Marc: Nichts?

Farin: Ich trage ein süsses Nichts mit einem Hauch von Parfüm, Canel No. 5. Nein, ich trage nie Parfüm und ich trage auch Kleidung. Das ist eigentlich ziemlich langweilig. Ich trage schwarz, wie immer.

Marc: Ich höre gerade, wir müssen aufhören. Vielen Dank Farin Urlaub und viel Spass heute abend.

Farin: Euch auch, Ciao!

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