Karl Dall: ein Fernseh-Leben zwischen Anarchie und Zoten

„Was ist nur los mit diesem 2020?“ Ist der vermutlich meistgesage oder zumindest meistgedachte Satz des Jahres. Nun, vielleicht reagieren wir alle wegen der weltweiten Corona-Krise in diesem Jahr nur besonders sensibel auf schlechte Nachrichten, oder es geschehen 2020 tatsächlich besonders viele Unglücke. Eines bringt dieses horrible Jahr aber tatsächlich mit sich. Das wir uns in diesem Jahr von besonders vielen Helden aus der Kindheit und Jugend verabschieden mussten. Monty Pythons-Mitglied Terry Jones, „Asterix“-Erfinder Albert Uderzo, Jerry Stiller alias „Arthur Spooner“ aus „King of Queens“ und Ex-„MAD“-Chefredaktor und Harald Schmidt-Sidekick Herbert Feuerstein sind die Namen, deren Tod mich in diesem Jahr am meisten berührten. Und heute kam ein weiterer Name dazu: Karl Dall.

Die Kindheit bröselt weg

Nicht, das ich jetzt ein Riesen-Fan aller seiner Filme, Aktionen und Sprüche gewesen wäre. Aber doch löst die Todesmeldung bei mir wieder das leider mittlerweile sehr bekannte Gefühl aus, das hier wieder ein Stückchen Kindheit und Jugend unwiederbringlich wegbröselt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie mein Bruder und ich frischgebadet am Samstagabend zwei Stunden in der heilen Welt des Fernsehglücks verweilen durften, während Thomas Gottschalk lustige Wettkandidaten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz präsentierte, den Bürgermeister begrüsste und Chris de Burgh vor brennenden Mülltonnen sang. Im Wechsel mit Bud Spencer und Terrence Hill, die in einer zünftigen Beizenschlägerei ihre Dampfhammer-Fäuste auspackten oder – einiges friedlicher, aber für uns Kinder nicht weniger reizvoll- Kurt und Paola Felix, die Passanten oder Promis Streiche mit der versteckten Kamera spielten. Wer erinnert sich da nicht an den nackten Mann, der sich im Fahrstuhl duscht.

„Sing schon Mal, damit wir es hinter uns haben!“

Und während das Ehepaar Felix die sehr charmanten, aber auch sehr braven Gastgeber waren, konnte Karl Dall in seiner Rolle als frecher Filmvorführer glänzen und uns bei seinen Telefonscherzen in der Telefonkabine zum lachen bringen. Auch in den 90ern – schon als Teenager – lief mir Karl Dall wieder im Fernsehen über den Weg. Diesmal selber in der Rolle als Gastgeber in der sehr anarchischen Talkshow „Dall-As“. Ziel und Zweck der Sendung war es, die Gäste zu beleidigen und Scherze auf ihre Kosten zu machen. Ein Schlagersänger verliess sogar erbost die Sendung, als Dall meinte, er solle nun doch endlich singen, „damit wir es hinter uns haben“. In seinen besten Momenten war Karl Dall genau das, was dem Fernsehprogramm heute viel zu oft fehlt: das genau richtige Quäntchen Anarchie und Political Uncorrectness.